Autismus im Erwachsenenalter: Ein neuer Blick durch die ICD-11

„Bin ich vielleicht autistisch?“ Diese Frage stellen sich heute immer mehr Erwachsene. Lange Zeit galt Autismus als reine „Kinderdiagnose“. Doch mit der Einführung der ICD-11 (International Classification of Diseases, 11. Revision) durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat sich der Blickwinkel fundamental gewandelt. Weg von starren Kategorien, hin zu einem dynamischen Verständnis von Neurodiversität.

In diesem Blogbeitrag erfahren Sie, was sich in der Diagnostik geändert hat und warum besonders die Perspektive auf Frauen und hochfunktionale Erwachsene präziser geworden ist.

1. Von Schubladen zum Spektrum: Das Ende des Asperger-Syndroms

Die wohl markanteste Änderung in der ICD-11 ist die Zusammenfassung früherer Einzeldiagnosen wie „Frühkindlicher Autismus“ oder „Asperger-Syndrom“ unter dem Oberbegriff Autismus-Spektrum-Störung (ASS).

Warum ist das wichtig? Das „Spektrum“ erkennt an, dass die Übergänge fließend sind. Anstatt Patienten in starre Kategorien zu pressen, wird nun individuell geschaut:

  • Wie ausgeprägt ist die soziale Kommunikationsfähigkeit?

  • Liegt eine intellektuelle Beeinträchtigung vor?

  • Wie stark ist die funktionale Sprache beeinträchtigt?

2. Sensorik: Endlich Teil der Kernkriterien

Ein Aspekt, der in der ICD-10 oft vernachlässigt wurde, ist die sensorische Reaktivität. Viele autistische Erwachsene erleben die Welt „ungefiltert“. In der ICD-11 ist die Hyper- oder Hyposensitivität gegenüber Reizen (Licht, Geräusche, Texturen) nun offiziell als Teil der repetitiven und restriktiven Verhaltensmuster verankert. Für viele Betroffene ist dies eine Erleichterung, da ihre alltägliche Überreizung nun diagnostisch denselben Stellenwert hat wie soziale Schwierigkeiten.

3. Die Herausforderung: „Camouflaging“ und die weibliche Perspektive

Wissenschaftliche Studien (wie z.B. von Dolfi et al., 2025) zeigen, dass Autismus bei Frauen oft übersehen wird. Der Grund: Social Camouflaging. Viele Erwachsene, insbesondere Frauen ohne intellektuelle Beeinträchtigung, haben über Jahrzehnte gelernt, autistische Merkmale zu kompensieren. Sie kopieren Mimik, lernen soziale Skripte auswendig und wirken nach außen „unauffällig“ – oft zum Preis eines chronischen Erschöpfungszustands (autistischer Burnout).

Die ICD-11 trägt dem Rechnung, indem sie explizit darauf hinweist, dass Symptome erst dann voll manifest werden können, wenn die sozialen Anforderungen die begrenzten Kapazitäten übersteigen (z.B. beim Übergang ins Berufsleben).

4. Diagnostik ist Detektivarbeit: Differenzialdiagnosen

Im Erwachsenenalter ist die Diagnostik oft komplex, da sich über die Jahre andere psychische Belastungen darübergelegt haben können. Fachleute müssen hier genau „entwirren“ (wie im Psychotherapeutenjournal 4/2025beschrieben):

  • ADHS: Die ICD-11 erlaubt nun explizit die Doppeldiagnose von ASS und ADHS – ein Meilenstein, da beide oft gemeinsam auftreten.

  • Persönlichkeitsstörungen: Besonders die Abgrenzung zu einer Borderline- oder sozialen Persönlichkeitsstörung erfordert Erfahrung, da soziale Rückzugstendenzen oder emotionale Dysregulation bei beiden vorkommen können.

  • Soziale Ängste: Während es bei der sozialen Phobie um die Angst vor Bewertung geht, liegt bei Autismus oft ein grundlegender Unterschied in der Verarbeitung sozialer Signale vor.

5. Der Weg zur Diagnose: Ein gestufter Prozess

Eine seriöse Diagnostik bei Erwachsenen ist kein einfacher Online-Test, sondern ein mehrstufiger Prozess:

  1. Screening: Einsatz von Fragebögen wie dem AQ (Autismus-Quotient) oder RAADS-R. Wichtig: Diese dienen nur der Tendenz!

  2. Biografische Anamnese: Da Autismus eine neuronale Entwicklungsstörung ist, müssen Anzeichen bereits in der Kindheit vorgelegen haben (auch wenn sie damals nicht erkannt wurden).

  3. Standardisierte Interviews: Tools wie das ADOS-2 oder das ADI-R helfen, aktuelle Symptome und die Kindheitsentwicklung systematisch zu erfassen.

  4. Differenzialdiagnostische Abklärung: Ausschluss oder Feststellung von Begleiterkrankungen.

Fazit: Eine Diagnose als Chance

Die Diagnose nach ICD-11 ist kein „Urteil“, sondern oft ein befreiender Wendepunkt. Sie ermöglicht ein neues Selbstverständnis: „Ich bin nicht falsch, mein Gehirn funktioniert nur anders.“

Mit dem neuen Fokus auf das individuelle Profil und der Anerkennung von Kompensationsleistungen bietet die ICD-11 die Chance auf eine passgenauere Unterstützung und ein neuroaffirmatives Leben.